Nationalcharakter

 

    Jürgen Koppensteiner: Wer sind die Österreicher?
    Nach den gängigen Klischees sind die Österreicher immer lustig und fidel, dazu auch höflich, liebenswürdig
und gastfreundlich. Tagsüber sitzen sie am liebsten im Kaffeehaus, und am Abend gehen sie zum Heurigen. 
Wenn sie Landbewohner sind, gehören sie einer Jodlerband oder einer Schuplattlergruppe an.
Die Arbeit nehmen die Österreicher nicht so ernst. Gutes Essen und guter Wein sind ihnen viel wichtiger.
 

Kann man überhaupt von "den Österreichern" sprechen? (...) Mit den Klischees ist es so eine Sache.
Die meisten enthalten nur eine halbe Wahrheit. Sicher wollen die Österreicher das Leben genießen.
Aber letzten Endes wird auch in Österreich fleißig gearbeitet. Woher kommen schließlich all die Kraftwerke,
Fabriken und modernen Bauten?

Dass die Österreicher immer lustig und vergnügt sind (ein "Volk der Tänzer und der Geiger" nach einem
Dichterwort), stimmt auch nicht ganz. In ihnen steckt auch eine gehörige Portion Aggressivität, Sentimentalität,
Melancholie und Depression. (...)

Im Grunde sind die Österreicher freilich Optimisten, lassen sich nicht so leicht erschüttern und geben nicht
so schnell auf. "Nur keine Aufregung!" ist ein beliebtes Motto. Man will seine Ruhe haben und liebt es nicht,
gejagt und reglementiert zu werden. Wenn wirklich einmal etwas schief geht, bleibt man gelassen und sagt:
"Na, es hätt´ ja schlimmer kommen können" oder "Da kann man halt nichts machen." (...)

Wie steht es mit der Höflichkeit und Liebenswürdigkeit der Österreicher? Nun, zu ihren Minderheiten,
aber auch zu den Migranten und Flüchtlingen aus Südost-Europa sind nicht alle Österreicher unbedingt
liebenswürdig. Und die Höflichkeit ist auch nicht immer ganz echt. In Fremdenverkehrsorten tarnt sie
manchmal nur den Nepp. Die österreichische Gemütlichkeit gibt es sicher, aber hinter dem populären
Motto "Nur net hudeln" können sich auch Gleichgültigkeit, Teilnahmslosigkeit und Resignation verbergen.
So ist die Mentalität der Österreicher voller Widersprüche und oft nur schwer zu verstehen. Gute und
schlechte Eigenschaften liegen bei ihnen oft ganz eng nebeneinander, aber wie bei anderen Völkern halten
sie sich wohl auch bei den Österreichern die Waage.

Quelle: Koppensteiner, Jürgen (2001). Österreich. Ein landeskundliches Lesebuch. Wien: Edition Praesens, 79-80

 

     

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