Im Laufe ihrer Geschichte haben sich die
Österreicher immer wieder die Frage gestellt: Wer sind wir?
Die Frage war
auch gar nicht so leicht zu beantworten, denn der Begriff "Österreich"
änderte sich,
sowohl territorial als auch inhaltlich, immer wieder.
Im 19. Jahrhundert verstand man unter Österreich
das aus verschiedenen, historisch gewachsenen Teilen
bestehende Kaisertum
(seit 1804), später die Doppelmonarchie Österreich-Ungarn (seit 1867).
Österreich war ein von der Dynastie der Habsburger zusammengefasster,
ethnisch und sprachlich überaus
differenzierter Staatenverband.
Nach (...) 1867 bezeichnete man die
nicht-ungarischen Teile der Monarchie als Österreich, zugleich gab es
aber
auch den übernationalen Österreichbegriff. Die deutschen Österreicher hatten
in der gesamten Monarchie
eine eindeutige Vorzugsstellung. Je stärker die
nicht-deutschen Völker ihrer Identität bewusst wurden, desto
mehr verstärkte
sich der Deutschnationalismus.
Mit dem Zusammenbruch der Donaumonarchie war
es für die deutschen Österreicher klar, dass sie Deutsche
waren. (...) Das
in der Ersten Republik quer durch das Parteienspektrum gehende
deutsch-österreichische
Nationalgefühl erklärt die Tatsache, dass die
Mehrheit der Österreicher 1938 für den Anschluss war.
Erst während des Krieges entwickelte sich so
etwas wie ein österreichisches Nationalgefühl, und seit 1945
fühlen sich die
Österreicher mehrheitlich als Nation. Kein Österreicher sieht sich heute als
Deutscher. (...)
Eine Studie der Universität Graz kam 1995 zum
Schluss, dass die Österreicher zu einem "großen Teil"
Patrioten und
eindeutig westorientiert sind. 88 Prozent der Befragten bezeichneten ihre
Nationalität als
"österreichisch", nur 7% als deutsch. Jeder zweite ist sehr
stolz auf Österreich (...)
Worauf sind nun die Österreicher stolz? An
der Spitze stehen die sportlichen Leistungen, dann kommen
schon die
Leistungen des Sozialstaates, der Wirtschaft, der Wissenschaft und der
Geschichte.
(Nach manchen Untersuchungen trägt die schöne Landschaft viel
zum Nationalstolz bei.)
Auch Kunst und Literatur sowie die "Art und Weise,
wie die Demokratie funktioniert", ist für zwei Drittel
der Befragten Grund
für Stolz. (...)
Nach einer anderen Umfrage sind 90% der
Österreicher davon überzeugt, dass die Welt ein besserer Platz
wäre, "wenn
alle Länder so wären wie unseres". (...)
(...) es steht
fest, dass die heutigen Österreicher keine Zweifel haben, Österreicher zu
sein. Ihre Identität
ist gefestigt, auch wenn niemand so genau weiß, worin
die nationalen Eigenheiten des Landes und seiner
Menschen genau bestehen."
Quelle: Koppensteiner, Jürgen (2001).
Österreich. Ein landeskundliches Lesebuch. Wien: Edition Praesens, 80-82
|