Nationalcharakter

 

    Jürgen Koppensteiner: Identität - Österreichbewusstsein - Nationalstolz
    Im Laufe ihrer Geschichte haben sich die Österreicher immer wieder die Frage gestellt: Wer sind wir?
Die Frage war auch gar nicht so leicht zu beantworten, denn der Begriff "Österreich" änderte sich,
sowohl territorial als auch inhaltlich, immer wieder.

Im 19. Jahrhundert verstand man unter Österreich das aus verschiedenen, historisch gewachsenen Teilen
bestehende Kaisertum (seit 1804), später die Doppelmonarchie Österreich-Ungarn (seit 1867).
Österreich war ein von der Dynastie der Habsburger zusammengefasster, ethnisch und sprachlich überaus
differenzierter Staatenverband.

Nach (...) 1867 bezeichnete man die nicht-ungarischen Teile der Monarchie als Österreich, zugleich gab es
aber auch den übernationalen Österreichbegriff. Die deutschen Österreicher hatten in der gesamten Monarchie
eine eindeutige Vorzugsstellung. Je stärker die nicht-deutschen Völker ihrer Identität bewusst wurden, desto
mehr verstärkte sich der Deutschnationalismus.

Mit dem Zusammenbruch der Donaumonarchie war es für die deutschen Österreicher klar, dass sie Deutsche
waren. (...) Das in der Ersten Republik quer durch das Parteienspektrum gehende deutsch-österreichische
Nationalgefühl erklärt die Tatsache, dass die Mehrheit der Österreicher 1938 für den Anschluss war.

Erst während des Krieges entwickelte sich so etwas wie ein österreichisches Nationalgefühl, und seit 1945
fühlen sich die Österreicher mehrheitlich als Nation. Kein Österreicher sieht sich heute als Deutscher. (...)

Eine Studie der Universität Graz kam 1995 zum Schluss, dass die Österreicher zu einem "großen Teil"
Patrioten und eindeutig westorientiert sind. 88 Prozent der Befragten bezeichneten ihre Nationalität als
"österreichisch", nur 7% als deutsch. Jeder zweite ist sehr stolz auf Österreich (...)

Worauf sind nun die Österreicher stolz? An der Spitze stehen die sportlichen Leistungen, dann kommen
schon die Leistungen des Sozialstaates, der Wirtschaft, der Wissenschaft und der Geschichte.
(Nach manchen Untersuchungen trägt die schöne Landschaft viel zum Nationalstolz bei.)
Auch Kunst und Literatur sowie die "Art und Weise, wie die Demokratie funktioniert", ist für zwei Drittel
der Befragten Grund für Stolz. (...)

Nach einer anderen Umfrage sind 90% der Österreicher davon überzeugt, dass die Welt ein besserer Platz
wäre, "wenn alle Länder so wären wie unseres". (...)

(...) es steht fest, dass die heutigen Österreicher keine Zweifel haben, Österreicher zu sein. Ihre Identität
ist gefestigt, auch wenn niemand so genau weiß, worin die nationalen Eigenheiten des Landes und seiner
Menschen genau bestehen."

Quelle: Koppensteiner, Jürgen (2001). Österreich. Ein landeskundliches Lesebuch. Wien: Edition Praesens, 80-82

     

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