Nachbarliche Österreich-Bilder:
Eine holländische Perspektive

 

    Herbert Van Uffelen: Ferienerinnerungen an die Alpen - Nie mehr Wien!
    Bis vor einigen Jahren prägten Erinnerungen das Österreich-Bild der Niederländer und Flamen,
Ferienerinnerungen an die Alpen, an die wunderschönen Seen in Kärnten, an die Wachau, die
Salzburger Festspiele, an Graz oder an die Kulturdenkmäler der Donaumonarchie bzw. aus der Zeit
des genialen Wiens des Fin de siècle. Man dachte aber auch an die österreichischen Kinder, die nach
dem Ersten Weltkrieg zur Erholung in den Niederlanden gewesen sind, und schwärmte vom Charme
und von der Höflichkeit der Wiener. Nach 1945 war das Bild von Österreich im niederländischen Sprachraum
durchaus positiv. Unter dem Eindruck der Tatsache, daß man in Österreich die 'Piefkes' ebenso abzulehnen
schien wie die Niederländer die 'Moffen', und daß Österreich ähnlich wie die Niederlande inzwischen auch
ein kleines Land mit großer Tradition war, war man offenbar geneigt, sich mit den Österreichern zu solidarisieren
und akzeptierte man, daß Österreich sich selbst als Opfer der nationalsozialistischen Übergriffe präsentierte.
Vergessen schien, daß gerade ein Österreicher während des Zweiten Weltkrieges als Stellvertreter Hitlers
in den Niederlanden geherrscht hatte.

Heutzutage sind die offiziellen Beziehungen zwischen den Niederlanden und Flandern einerseits und
Österreich andererseits noch immer ausgezeichnet. Österreich ist eines der wenigen Länder in Europa
mit einer offiziellen Flandern-Vertretung, und auch das große Niederlande-Österreich-Symposion,
das Anfang der neunziger Jahre in Wien stattfand, hat deutlich gezeigt, wie viele Berührungspunkte es
zwischen den Niederlanden und Österreich gegeben hat und immer noch gibt. Von Bedeutung ist
diesbezüglich nicht zuletzt, daß Österreich eine wichtige Rolle im Hinblick auf das sich nach Osten
öffnende Europa spielt. Wien ist nicht mehr nur die östlichste Hauptstadt des Westens, sondern wird
(wieder) mehr und mehr Drehscheibe für die Handelsbeziehungen mit den künftigen EU-Partnern aus
dem Osten.

Trotz dieser guten Voraussetzungen hat sich das Bild Österreichs in den niederländischen Medien
- über die Entwicklung des Österreich-Bildes in Flandern liegen leider noch keine Untersuchungsresultate vor -
in den letzten Jahren erheblich gewandelt. Das Schlüsselereignis war die Ernennung Dr. Kurt Waldheims
zum Bundespräsidenten. Seitdem beherrscht das Bild eines die Nazi-Vergangenheit verdrängenden Landes,
das sich hinter der Rolle des Opfers versteckt, die Perspektive der niederländischen Medien auf Österreich.
Hatte man 1955 noch begrüßt, daß Österreich wieder Herr in eigenem Haus sein konnte, betrachtet man
seit 1986 die Österreicher in zunehmendem Maße als 'Mitläufer und Täter', gar als 'Erfinder von Blut und
Boden', um es mit den Worten von Bas van Putten zu sagen. (Vrij Nederland, 16 mei 1998, S. 26).
Dieser Journalist bezeichnete Anfang dieses Jahres den österreichischen Gedenktag gegen Gewalt
und Rassismus im Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus als Chuzpe und führte im gleichen
Stil aus:

Auf meiner Shortlist von sorgfältig zu vermeidenden furchtbar rechten Städten steht Wien seit meiner
allerersten Konfrontation mit der dortigen Etikette als unbestrittene Nummer eins. Das schleimige
Lügen und Betrügen, das unsittliche Intrigantentum, die feine Muffigkeit der Wiener Sängerknaben
und die hoppelnden Lipizzaner, die zu Haute Couture verschnittene Nazitracht, das kleinbürgerliche
Geschwafel mit bitte sehr und danke schön, grüß Gott und nee, macht nix - du spielst das Spiel
pro forma ein wenig mit, wenn es nicht anders geht, und die Torten sind auch nicht ohne, aber das
Menschen Erträgliche kennt seine Grenzen. Nie mehr Wien.

Quelle: Uffelen, Herbert Van - Österreich in der niederländischen Literatur - Wien: 1998. Vollständiger Text in den Zusatzmaterialien

     

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